Wege zur Schriftstellerei und die Rolle der «Schreibschulen»

Eine Art Synthese mit Anschlussfragen.

1. Dieser Schwerpunkt ist – ausser im Modus der Rückblende – ohne das Schlagwort von der «Institutsprosa» ausgekommen, und auch ohne die in diesem Zusammenhang oft gebetsmühlenhaft wiederholte Grundsatzfrage, ob man denn Schreiben überhaupt lernen könne. Interpretationsangebot: Nach 13 Jahren Biel und fast doppelt so langer (neuerer) Geschichte im deutschsprachigen Raum sind akademische Schreibausbildungen etabliert. Jetzt geht es um den Feinschliff.

2. Etwa, wenn es um die Zusammensetzung der Klassen und des Lehrkörpers geht. Zu den Klassen: Sicher, wenn man hauptsächlich das nachgymnasiale Sofortstudium promotet, hat man eine hohe Anzahl Bewerbungen von jungen Menschen, deren Eltern 120 000 bis 170 000 Franken im Jahr verdienen und die literarische Identitätssuche ihrer Sprösslinge finanziell absichern können, und eher wenige, die eigene Erfahrungen von Existenzangst, Migration oder Gewalt haben. Aber ist das nicht ein ziemlich realistisches Bild der Schweiz? Wenn man nicht mehr daran zu glauben bereit ist, dass aus dieser, ja, wohlstandsdurchsetzten und, ja, vielleicht «langweiligen» Umgebung gute Stoffe und «relevante» Literatur kommen können (weil doch das Publikum grossenteils ähnliche [Nicht-]Probleme hat: Identifikationspotenzial!), braucht man auch kein Schweizerisches Literaturinstitut, ja überhaupt keine Schweizer Literaturförderung.

3. Aber sollen die Eleven zumindest von dieser Welt mehr gesehen haben? Silvio Huonder fordert reifere Studierende in Biel. Sicher: Wenn eine Gesellschaft schon in die Produktion von Schriftstellern investiert, dann doch bitte in solche, an denen sie dann lange Freude haben kann, weil sie nachhaltig erzählen wollen – «müssen» – und auch können. Aber wie wäre sie zu messen, diese Reife? Lebensjahre allein machen noch keinen welthaltigen Stoff – und es gibt 19-Jährige, die in ihrem Ausdruckswillen schon sehr gefestigt sind. Ist es wie in der Fahrschule, wo ältere Prüflinge gelassener, fokussierter ans Ziel kommen? Könnte ein Praktikum «im Schreibbereich» als Zulassungsvoraussetzung Abhilfe schaffen?

4. Ist es nicht sonnenklar, dass jemand ohne einen Ausdruckswillen und ein Ausdrucksvermögen (vulgo: Talent) kein Schriftsteller werden kann? Gerade deshalb braucht es Techniken und Kniffe – ästhetische, rhetorische, dramaturgische etwa –, um vorhandenes Rohmaterial zum Glänzen zu bringen, die «eigene Stimme zu finden». Und diese kann man erlernen. Da immer weniger Verlage diese Arbeit leisten, sind die Institute willkommener «Ersatz».

5. «Die eigene Stimme finden»: Offenbar bedeutet das für die meisten Schreibtalente nicht zuletzt: Das Vertrauen entwickeln, dass da überhaupt eine eigene Stimme ist. Sich zugestehen, den ganzen Tag zu schreiben, nicht nur zu Randzeiten, unsicher, als Hobby. Ein künstlerisches Bewusstsein entwickeln und entstehen zu lassen. Jemand wie, sagen wir, Michael Fehr mag wirken, als wäre er mit seiner «Stimme», wie wir sie heute kennen, auf die Welt gekommen. Auch er hat aber wiederholt betont, dass er genau diese Phase und den Rahmen in Biel, der diese Entwicklung ermöglicht hat, gebraucht habe.

6. Interessant, dass – wie Biel-Mitgründer Daniel Rothenbühler schreibt – eine Hauptmotivation hinter der «Idee Literaturinstitut» gerade die war, Raum für eine weniger akademische Auseinandersetzung mit Literatur zu schaffen. (Interessant auch, dass just Raymond Carver, dessen Sack an Lebenserfahrung kaum praller hätte gefüllt sein können, zum stilistischen Vorbild für die angeblichen Bauchnabelschauen saturierter Bürgerkinder wurde.)

7. «Schreibschule» ist nicht…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»