Zwischen Westschweiz und Ostasien

Zur Person: Ella Maillart

Tienschan! Himmelsgebirge! – es müssen kalte Herzen sein, die bei solchen Worten nicht vor Sehnsucht bersten. Ihr nachzugeben aber, sind kaum je Köpfe kühl wie kühn genug.

Jener der Reiseschriftstellerin Ella Maillart (1903–1997) war es ohne Zweifel. Während schwärmerisches Fernweh sie schon als Kind über den Genfersee schweifen liess, trieb eine unbändige Willenskraft die junge Frau dazu, die Verwirklichung ihrer Träume nicht aufs Pensionsalter zu vertagen. «Dass man alles durchsetzen kann, was man stark und hartnäckig genug verfolgt», ahnte Maillart bereits, als sie mit 16 den ersten Landhockey-Club der Romandie gründete; monatelange Segelturns, Einsätze als Matrosin, Lehrerin, Stenotypistin und Statistin taten nach Abbruch der Schule das Übrige, sie in der Überzeugung zu bestärken, dass immer ein Weg zu finden ist.

Wie weit der Ihre führte, dürfte zuletzt freilich selbst die «Träumerin» überrascht haben. 1930 erstmals in Russland, wollte Maillart nach einer Kaukasus- Durchquerung weiter nach Osten, doch standen dem Vorhaben finanzielle Engpässe im Weg. Die Veröffentlichung eines «anspruchslosen Büchleins» – Maillart haderte zeitlebens mit dem Schreiben – über ihren Russlandaufenthalt gab ihr 1932 dann die Mittel, dorthin zu gehen, «wo die Kirgisen» leben. Mit russischen Begleitern stiess sie ins bis heute kaum besuchte Gebirge an der chinesischen Grenze vor; im Alleingang bestieg die geübte Skitourengängerin einen Fünftausender (S. 19) und reiste weiter durch Zentralasien, bis sie mit 5 Rubeln die Heimfahrt antrat.

Besessen vom Wunsch, Realität zu erleben, setzte sie zwei Jahre und ein weiteres Buch später auf dem Seeweg nach China über, um von Schanghai aus monatelang durchs Landesinnere bis nach Kaschmir vorzudringen. Längst gewiss, der ganzen Welt zu gehören und sich in Genf nicht richtig heimisch zu fühlen, brach sie 1939 zusammen mit Annemarie Schwarzenbach im Ford Roadster via Balkan, Türkei und Persien nach Afghanistan auf. Rastlos saugte sie Länder und Leute wie Lebenselixiere in sich auf, bis sie in Südindien erfuhr, dass die Wirklichkeit doch nur in ihr selbst ruht. Glücklicherweise fuhr sie trotz dieser Einsicht fort, ihre äusseren Erlebnisse zu verschriftlichen – und uns Unkühnen «ein bisschen Welt» zu ermöglichen.