Kleine Philosophiegeschichte des Bergsteigens

Lange bevor die ersten Gipfel ihre Namen erhielten oder gelbe Wegweiser sicher hinauflotsten, beschäftigten sich Philosophen mit physischem und geistigem Aufstieg. Ein historischer Ausflug in die Höhen und Tiefen der Bergphilosophie.

Unterwegs, wandernd. Ich verzichte ungern, wie Kant, auf meinen täglichen Spaziergang. Die Weinberge des Lavaux erinnern mich an die Arbeit des Menschen, die Berge sind mir ein Bild der Philosophie. Es ist richtig, die Philosophen lieben Abstraktionen und vermeiden gerne Bilder. Mir sind sie nützlich, ja unentbehrlich, auch um die Philosophie selber zu verstehen. Das Gehen, die Bewegung von einem Ort zum anderen, ist ein sehr einleuchtendes Bild des Philosophierens, das mir gefällt. Ich will versuchen, dieses Bild mit einem Blick auf einige meiner Vorgänger zu verdeutlichen.

 

I. Bewegung und Nachdenken

Zwei Schriften der abendländischen Tradition repräsentieren diesen mit der Bewegung verbundenen Aspekt des Philosophierens und Denkens in besonders eindringlicher Weise. Ich meine zum einen das «Reisebuch der Seele zu Gott» (Itinerarium mentis in Deum) des Franziskaners Bonaventura (†1274), eine kleine Schrift, die einlädt, den Weg von der Aussenwelt in das Innere der Seele zu vollziehen, und dann dazu auffordert, die Seele selbst zu überschreiten, zu transzendieren. Zum andern können auch René Descartes’ (†1650) «Meditationen über die erste Philosophie» (Meditationes de prima philosophia), eines der Hauptwerke europäischer Philosophie, zu Recht als eine Wegphilosophie ausgelegt werden. Diese Meditationen beschreiben den Weg von aussen nach innen. Und: von innen nach oben. Sie berichten vom Weg, den der französische Philosoph selbst beschritten hat, um zuerst sich selbst und dann Gottes Existenz zu erkennen. Es ist keine unzulässige Vereinfachung, zu behaupten, die beiden erwähnten Werke seien letztlich nichts anderes als die Entfaltung und Entwicklung jener Wegleitung und Wegbeschreibung, die Augustin (†430) in folgenden Worten zusammengefasst hat:

 «Geh nicht nach draussen, kehr ein bei dir selbst! Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit. Und wenn du deine Natur noch wandelbar findest, so schreite über dich selbst hinaus!»

Das Voranschreiten, das Gehen, das Wandern erscheint hier als Einladung zu einer Einkehr in sich selbst. Zwei Aspekte an dieser Einladung zu einer Reise ins Innere scheinen mir wichtig: Zum einen formuliert Augustin einen Imperativ, der sich an jeden Denkenden richtet. Ich behaupte, mit diesem Imperativ werde die Bewegung der Philosophie als solcher beschrieben und zusammengefasst. Zum anderen wird die philosophische Reise als ein Aufstieg beschrieben, der mit dem Verb transcendere, über sich hinausschreiten, bezeichnet wird. Philosophisches Denken ist so besehen nicht nur Bewegung und Weg, sondern es ist ein Weg nach oben, ein Aufstieg.

 

II. Oben und unten

Wer das Philosophieren nicht nur als Weg, sondern zugleich als Weg nach oben versteht, setzt voraus, dass oben und unten werthaft zu deuten sind. Der Unterschied der Orte erweist sich als Skala der Werte. Meister Eckhart bringt diese Voraussetzung in einer ganz eindeutigen Sprache zum Ausdruck, wenn er festhält, das Gute sei oben und das Böse unten.

Der Aufstieg erscheint dann als geistige Bewegung des Überstiegs vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Materiellen zum Geistigen, vom Kontingenten zum Notwendigen, wie die Rede der Diotima in Platons «Symposion» dies paradigmatisch erörtert. Eckhart trägt diese wertende Auslegung im Zusammenhang mit einer Stelle aus dem Exodus (24, 12) vor, wo wir lesen: «Steige herauf zu mir auf den Berg und verweile dort!» Ja, tatsächlich: In der hebräischen Bibel gibt es unzählige Stellen, in denen der Berg nicht nur als Wohnstätte Gottes verstanden wird, sondern schlechthin als Bild für das Vollkommene: «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.» (Psalm 121,1 [120,1]) Eckhart behauptet:

 «Denn das Gute ist immer oben, je höher, desto besser. Das Höchste ist aber das Beste. Umgekehrt ist das Böse immer unten, und je tiefer, je weiter unten, je niedriger es ist oder etwas anderem unterliegt oder je grösser die Zahl derer ist, denen es unterliegt, umso weniger ist es wert.»

Hier wird…