Reine Fakten sind eine Fiktion

In seinem Tagebuchroman «Der Innerschweizer» provoziert eine Basler Studenten-WG eine kriegerische Invasion der Sowjetunion am Rheinknie. Hier erklärt der Historiker und Schriftsteller Urs Zürcher, wie er der Denkunmöglichkeit «Krieg in der Schweiz» ein literarisches Schnippchen schlug.

Denken wir hierzulande «Krieg» und «Schweiz» zusammen, bilden sich folgende oder ähnliche Verbindungen:

 

Das liegt sehr lange zurück.  

Rundherum gibt’s Krieg.

Die Schweiz profitiert vom Krieg.

Die Schweiz nimmt Kriegsflüchtlinge auf.

 

Die Verbindung «Es gibt Krieg in der Schweiz» will dabei nicht entstehen, da klemmt’s im Gehirn, ein Knoten vielleicht. Oder eine Fehlschaltung. Der Gedanke kommt gar nicht erst
zustande. Um ihn zu stimulieren, benötigen wir den Konjunktiv: Was wäre, wenn…? Diese Frage setzt ein Spiel mit der Realität in Gang. Ist diese Realität historisch, sprechen wir von kontrafaktischer Geschichtsschreibung, ein Grau- oder Grenzbereich innerhalb der Geschichtswissenschaften. Grammatikalisch aber führt uns die Frage in die unendlichen Weiten des Irrealis, in die Undenkbarkeit oder anders gesagt: in die Literatur.

Wieso soll ich «Krieg in der Schweiz» aber überhaupt denkbar machen? Führt das irgendwohin? Ja, durchaus: das Undenkbare an das Denkbare heranführen ist zunächst eine Erprobung der Realität, eine Art Realitäts-TÜV. Die verbriefte Realität, auch historische Wahrheit oder ganz einfach nur Wirklichkeit genannt, wird gewissermassen auf die Bühne gezerrt, ins Scheinwerferlicht gerückt, wo sie sich bewähren muss. Denn jetzt beginnt das Stück: An der Realität wird herumgefummelt, sie verliert da einen Hut, dort ein Bein, hier wird an ihr herumgeflickt, dort was übergestülpt. Und allmählich steht sie da in neuem Kleid und neuer Form. Ist die Aufführung gelungen, kann sie sich sehen lassen und muss den Vergleich mit der ursprünglichen Wirklichkeit nicht scheuen. Das Denkbare hat sich etwas ausgedehnt, indem es sich selber ausgekundschaftet, seine Ränder besichtigt und Ausschau gehalten hat ins Reich jenseits seiner Grenze, dort, wo die Unwahrscheinlichkeiten schlummern.

Der Irrealis spiegelt die Wirklichkeit an ihren Möglichkeiten. Das heisst, was wir Wirklichkeit nennen, ist nur eine ihrer Möglichkeiten, oder, anders gesagt, die Wirklichkeit ist das, was von den Möglichkeiten übrigbleibt, das, was Menschen aus den Möglichkeiten herausgeschält haben. Was geschieht, ist weder notwendig noch nötig. Das ist kein neuer Gedanke, er stammt aus der Zeit der Aufklärung.

«Krieg in der Schweiz» ist eine Inszenierung der Wirklichkeit auf der Bühne der Literatur. Einerseits ein Instrument zur Erkundung und Reflexion dessen, was Realität genannt wird, zum anderen eine Ode an den Konjunktiv, der mehr ist als ein Modus des Verbs, mehr als ein Schatten des Tatsächlichen, nämlich eine der grundlegenden Antriebskräfte menschlichen Daseins. Einen Menschen nur im Tatsächlichen und Wirklichen kann ich mir nicht vorstellen. So ein Mensch ist im eigentlichen Sinn undenkbar. Der Mensch tickt konjunktivisch. Mit anderen Worten: der Mensch ist ein poetisches Wesen. Jeden Tag ist nicht nur das tatsächlich Erlebte und Getane unser Lohn und Glück, es sind auch die Räume zwischen den Wahrscheinlich- und Tatsächlichkeiten, die uns treiben und beschäftigen, all die verpassten und erhofften Chancen, all die verrückten Begierden, Möglichkeiten und Irrealitäten, all das sind Elemente unserer Ontologie. Und wenn jemand kommt und sagt, das sei alles Mist, das sei alles Einbildung und billige Phantasie, geistiger Tingeltangel, dann sollte man ganz gelassen entgegnen: Das sind bloss unsere eigenen Gedanken, die gerade einen Auftritt haben.

Die Erprobung einer Undenkbarkeit emanzipiert…

Die Schweiz im Krieg

«Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.» Das lakonische Notat vom 2. August 1914 steht nicht in einem Schulgemeindeprotokoll, sondern im Tagebuch eines der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Mit zwei Sätzen, scheint es, handelt Franz Kafka das Weltereignis ab und taucht ins Privatleben ein. Hat die Schweizer Literatur mehr zum Krieg zu […]

Ein einig Volk von Kriegern?
Diebold Schilling: Schlacht von Sempach, in: Amtliche Berner Chronik, Band 1, S. 236 / Burgerbibliothek Bern – Signatur: Mss.h.h.I.1, S. 236.
Ein einig Volk von Kriegern?

Als Wink Gottes deutete Bullinger die eidgenössischen Schlachtsiege, und Lavater besang die heldenhaften Schweizer Kämpfer in pathetischen Liedern: Seit dem Mit-telalter prägt das Reden, Schreiben und Singen vom Krieg das helvetische Selbstbild – Anklänge daran sind bis heute zu vernehmen.

Kriegsbegeisterung und Grenzkoller
Beobachtungsposten im Wald mit Feldtelefon, photographiert von Edouard Senne / Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14093#935* / CC-BY-SA 3.0/CH
Kriegsbegeisterung und Grenzkoller

Zwischen 1914 und 1976 haben sich hiesige Autoren auf vielfältige Weise mit dem erhofften, durchlebten, stilisierten oder verdammten Krieg auseinandergesetzt. Ein Spaziergang durch Kriegstexte aus helvetischen Federn.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»