Mit der Heimat gegen die Heimat?

Eine kurze Geschichte der Schweizer Mundartliteratur

Das auffälligste Merkmal der besonderen sprachlichen Situation der deutschsprachigen Schweiz ist die ständige Präsenz zweier Varianten der deutschen Sprache: der Standardsprache und der Dialekte, so dass kein Geringerer als Hugo Loetscher sagen konnte, wir Schweizer seien «zweisprachig innerhalb der eigenen Sprache». Diese Zweisprachigkeit hat zu einer wesentlichen Eigenheit der Schweizer Literatur geführt: zur Ausbildung einer breitgefächerten Mundart-dichtung.

Wir können in der Literatur der Deutschschweiz, um zunächst einen stark vereinfachten Überblick zu bieten, drei gros-se Mundartwellen unterscheiden: eine erste Mundartwelle kurz nach 1900 rund um den Berner «Literaturpapst» Otto von Greyerz mit Autoren wie Rudolf von Tavel, Simon Gfeller, Carl Albert Loosli oder dem Solothurner Josef Reinhart. Gleichsam als Nachzügler wären hier noch Ernst Balzli und Elisabeth Müller zu nennen.

Eine zweite Mundartwelle setzte um 1960 mit den Mundartchansons der Berner Troubadours um Mani Matter, Jacob Stickelberger, Fritz Widmer und mit den Kabarettisten César Keiser, Emil Steinberger und Franz Hohler ein. Mit ihnen zusammen wurden weitere Mundartautoren populär: so etwa der Solothurner Lehrer Ernst Burren und der Berner Pfarrer Kurt Marti. Und wenn schon von Kurt Marti die Rede ist, dann muss auch Eugen Gomringer mit seinen Dialektkonstellationen genannt werden. 

Schliesslich noch die dritte Mundartwelle nach 2004, die sich vor allem in der Form des Mundart-Raps präsentiert. Bezeichnend dafür die 2003 gegründete Autorengruppe «Bern ist überall» aus der Spoken-Word-Szene, die berndeutsche Texte für den Liveauftritt auf der Bühne verfasst und mit ihnen in verschiedenen Kleintheatern auftritt. Zu dieser Gruppe gehören unter anderen Autoren wie Stefanie Grob, Pedro Lenz, Michael Stauffer, Guy Krneta, Gerhard Meister und Beat Sterchi. Der eigentliche «Star» dieser Welle ist aber der in Biel lebende Arno Camenisch, der in seinen Romanen neben Helvetismen und Mundarteinsprengseln auch Elemente des Rätoromanischen verwendet. 

Jede der drei Wellen war verbunden mit Bedürfnissen nach Identitätsstiftung, mit Abgrenzungsbemühungen und Selbstbildern, die wir Schweizer von uns und gegen das Fremde entworfen haben. Diesen Zusammenhängen werde ich im folgenden mit einigen Betrachtungen nachspüren. 

Mundart als Waffe der «geistigen Landesverteidigung»

Natürlich ist Mundartliteratur keine schweizerische Eigenart; es hat sie schon immer auch im deutschsprachigen Ausland gegeben: im süddeutschen, aber auch im niederdeutschen Raum so gut wie etwa in Vorarlberg oder in Tirol. Sie ist ein Ausfluss der Eigenart, dass die deutsche Sprache, anders als etwa die französische, nicht aus einem Zentrum heraus lebt, sondern ganz im Gegenteil aus den unterschiedlichsten Provinzen. Daher gehört eine ausgeprägte Dialektdichtung gerade zum Wesen der deutschen Sprache. 

Doch in der Schweiz kommt ein Moment dazu, das im Ausland, soweit ich das überblicke, nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielt: das Moment der sogenannten «geistigen Landesverteidigung». Zwar stammt der Begriff aus der Zeit des Faschismus vor und während des Zweiten Weltkrieges, als sich die Deutschschweiz, indem sie ihre sprachliche Eigenständigkeit betonte, von Hitler-Deutschland geistig abzugrenzen versuchte.

Fasst man die «geistige Landesverteidigung» aber etwas weiter als sonst üblich, indem man sie als generelle Sehnsucht nach Geborgenheit in der angestammten Eigenheit versteht, lässt sie sich als wichtiges Moment verstehen, das die Produktion mundartlicher Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre entscheidend beflügelte. Beispielhaft dafür ist Meinrad Lienerts bekanntes Gedicht «Die alte Schwyzer», dessen erste Strophe bereits 1914 aus den drei «Tugenden» Schweizertum, Heldentum und Kriegsgeist ein munteres Triumvirat bastelt: 

Wer sind die alte Schwyzer gsy,

Die fromme Heldeväter?

A röischi wildi Kumpeny,

Voll Füür und Blitz sind’s druf und dri,

As wien äs glades Wätter.

Freilich war diese mundartlich gefärbte Literatur bis weit in die 1950er Jahre hinein nicht unproblematisch: Indem sie heimat- und volksverbunden sein wollte, begann sie dieses Heimatliche gegen alles als fremd Empfundene abzugrenzen.Mundartdichter wie Rudolf von Tavel, Simon Gfeller und vor allem Alfred Huggenberger sind beredte Beispiele dafür.  Vor allem vor und nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Mundartliteratur zu einer Art Heimatschutzdichtung, die in…